Pocomania
Skaos stand nie wirklich für Geradlinigkeit oder Konvention.
Auch dieses Mal nicht. "Breaking The Curfew - live" (2002)
war schon derbes Futter für manch einen Ska-People. Nun mit "Pocomania"
(diesmal auf dem Busters-Label "SKA Revolution Records")
liefern die 7 Jungs aus Krumbach einen "Nachtisch", der
nicht weniger schwer zu verköstigen ist, wie ihre vergangenen
Scheiben. Alleine der Titel "Pocomania" führt zu tiefschürfenden,
literarischen Historiengeschichten und religiöser Grundlagenforschung
in die Historie von Jamaika und Afrika. Angelehnt ist das Ganze an
jamaikanische Woodoo-Kult-Parties. Das Cover wirkt entsprechend etwas
düster.
(Zum Begriff Pocomania siehe
Fußnote.
Ohne diese versteht man möglicherweise die Kritik nicht ;-))
Wer
die jamaikanischen Woodoo-Geister ruft, wird entweder das Entsetzen
in seinem Gesicht erleben, wie es eine Woodoo-Puppe nicht besser verkörpern
könnte, oder sich darauf ein- und gefangenlassen, von den schaurig
schönen Trommel-Göttern, die man rief.
Verzauberung oder Bezauberung genauso wenig ausgeschlossen, wie Angst
und Schrecken.
So
ganz dramatisch-geisterhaft kommt dann der Silberling aus Februar
2005 dann auch wieder nicht rüber. Jahresendliche Feuerwerke
oder andere karnevalistische Geistervertreibungsrituale sind nicht
von Nöten! Wobei die Metapher eines musikalischen Feuerwerks
schon zutrifft.
Trennen
wir mal die Musik etwas von den bedeutungsschwangeren Textinhalten,
so trifft man hier auf ein faszinierendes Werk, dessen musikalischen
Einflüsse sich erst mal setzen müssen. Wie so oft, werden
sich die Nackenhaare manch eines SKA-Originalisten sträuben,
wobei eine diebische Freude über die rockige Vielfalt mal wieder
überwiegt. "Can You Hear Me Caling" (Song 2/3) "This
is right".
Geballte
musikalische Vielfalt mit extrem vielen Effekten (Elektrobeats eingeschlossen)
schallen hier auf einen ein, ohne den Halt, das Fundament SKA, zu
verlieren. Es ist schon recht deftig, laut, intensiv, vor allem die
Bläser (Trompete, Saxophon, Posaune).
Frei übersetzt findet der metaphysische Zauber seinen wahren
Gegner im SKA, der nicht besiegt werden kann. Denn er ist Metareligion
und Lebensphilosophie, die über Allem steht. "Help me, I'm
Lost Control" (Song 4, One Day).
Mit "One Day, I'll Gone Be A Star" kehrt etwas das Mystische
in den Hintergrund. Die Alltagsflausen eines Musikers scheinen sich
in den Texten zu spiegeln. Fette Bläsersätze treffen auf
"rockende Gitarren und karibische Percussions".
Neben
SKA-Elementen wird in Song 5 "Walkin Away" auch dem Reggae
gehuldigt. Wen wundert es ;-) Kaputt gemacht wird diese These von
brachialen Breaks, die von krachendne Bläsern und Gitarrenriffs
erzählen.
Nichts scheint unerlaubt! Die Konfusion wird zum Prinzip, wie die
Unkalkulierbarkeit der Geister, die wir oft nicht rufen wollten, geschweige
denn ihr Auftreten kontrollieren könnten.
Melodisch ist das Ganze allemal und extrem tanzbar. Es ist nicht übertrieben.
Die musikalische Symbiose der gewagten und vorsichtigen Vielfältigkeit
gelingt, womit SKAOS erneut unter Beweis gestellt haben, neue Fenster
der Stilwelt zu öffnen.
Und wer bisher von der Stilvielfalt noch nicht verzweifelt zusammen
gebrochen ist, achtet noch auf die multilinguistische Ausprägung
z.B. in Lied 7 (Mulata): Spanisch. Südamerikanisch mit Sambaklängen.
Der Gesang (Mr. Mad Wolley) ist ebenso markant wie professionell und
verleiht auch dieser CD seinen eigenen Charakter.
Top-Titel
ist sicherlich Song 9 "Cool Dayz Sunshine". Das ist recht
derbe gitarrenbetont, aber immer mit lockeren Zwischenstücken
gespickt, die den SKA nicht vermissen lassen. Böse Stimmen gehören
zur Darstellung! Heavy Metall-Klänge schmeißen einen wieder
aus der Bahn (Song 11, "Start The System"). Nichts für
seichte Gemühter! Song 12, "Love Death Revenge" - reggaelastig.
Gut
skankbarer, moderner SKA, der auf den ersten Blick abgedrehter wirkt,
als er tatsächlich ist. Eine SKA-Scheibe, die sich mutig an ein
Thema wagt, welches nicht aus der Luft gegriffen ist und vielleicht
im Zeitalter des brüchigen Glaubens und der neuzeitlichen Verehrungen,
nicht ganz den Zeitgeist verlässt. Auch ist es eine religiöse
Zeitwanderung in die Geschichte des SKA, bzw. der Orte, wo er entstand.
Ich
denke, man merkt, warum es lange dauert, sich ein Bild vom Sound zu
machen. Es ist einfach zu ungewöhnlich und doch stilistisch.
Das Ringen nach Worten wir auch für den Schreiber/Hörer
zur Reise in unbekannte, neue Welten. Immer dann, wenn das deskriptive
Wort gefunden war, das Gefühl erfasst, fiel der Wolkenkratzer
der Worte wieder zusammen und musste neu aufgebaut werden. An die
"Breaking The Curfew - live" kommt "Pocomania"
allerdings nicht dran.
Die bläsergewaltige, postmoderne Vorstellung droht einen in den
Bann der Woodoo-Geister zu ziehen. Wer genau auf diese Herausforderung
gespannt ist, ist hier genau richtig! Nur lasst euch nicht von den
bösen Geistern fangen! Sie sind überall! Das schwarz-weiss
karierte Kreuz schwebt aber drüber, und ihr seid sicher. Es ist
der SKA, der euch schützt und euch wieder an die Ursprünge
glauben lässt; auf dem Boden hält!
DerDUDE
(Juni 2005)
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Fußnote:
"*Pukkumina und Zion Die Schreibweise "Pukkumina"
für "Pocomania", der gängigen Schreibweise, wurde
von Edward Seaga (1956) eingeführt, da sie der Aussprache des
Wortes "Pocomania" näher kommt.
Pukkumina bezeichnet die Vielfalt von ländlichen jamaikanischen
afro-protestantischen Kirchen. Pukkumina befaßt sich mit den
Geistern der Vorfahren, die mittels der Zeremonien ausgesandt und
teilweise mit christlichen Symbolen wieder gebannt werden können
(Ähnlich wie bei dem Obeah-Kult, der noch heute auf Jamaika weit
verbreitet ist). Bei den jamaikanischen Zionisten stehen Jesus und
die Heilige Dreifaltigkeit im Mittelpunkt. In den Tänzen wird
das Leiden Christi am Kreuz beschworen (vgl. Wynands 1995, S. 21).
Bei den Ritualen des Pukkumina werden keine Instrumente benutzt. Bei
den Ritualen der Zion-Baptisten werden wie auch im Kumina zwei oder
drei Trommeln verwendet, um die Gesänge zu untermalen. Manchmal
wurden auch Percussions-Instrumente und Händeklatschen als Elemente
eingebracht. Kennzeichnend für beide Rituale ist der Gesang,
der sich zu einem Höhepunkt hin entwickelt, auf dem er sich in
ein heftiges stoßweises Atmen ("groaning", "sounding")
verwandelt, das die Tänzer in Trance fallen läßt.
Wie auch in der spirituellen Praxis, vermischt die verwendete Musik
afrikanische und europäische Einflüsse Während der
melodische Stil vieler Hymnen deutlich europäisch-stämmig
war, deutet die Betonung auf der Trommel und die Form des rhythmischen
Atmens auf einen afrikanischen Einfluß hin."
Quelle: Pressetext Skaos ______________________________________________________________________________________________________
Zum Interview: Interview
Zur
Webseite:Webseite
Tracklisting:
1.
Strange Encounter
2. Lonely Girl - 02:34
3. Deep Underground
4. One Day - 02:47
5. Walkin Away - 02:43
6. I call it Crime - 05:33
7. Mulata - 03:24
8. Pocoman Jam - 04:02
9. Cool Dayz Sunshine
10. Crucial Jabbe says
11. Start the System
12. Love Death Revenge
13. Estrella Fugaz
14. Five Reasons
15. Shit System
16. Jack Ass