Geständnis eines Ver-Virtuell-ten

Es spielt eigentlich keine Rolle, ob es heller Tag war oder tiefe Nacht, ob die gleißende, wärmende Sonne scheint oder der kühle Regen die Erde befleckt. Scheiß was auf den Wind, der in den Bäumen die seichten Bewegungen hervorruft, die das Leben beschreibt. Vergesse das leuchtende Grün der Flora, die Spiegelungen des Mondscheins auf dem ruhigen Meer. Es spielt keine Rolle. Es ist einfach ein ganz normaler Tag!

Ich stehe vor einer schweren Haustür, die Vortüre zu einer eigenen Welt. Ich steckte den Schlüsse hastig in das Schloß und drehe ihn um und drücke mich mit meinem ganzen Gewicht, welches ich nicht besitze, weil die Online-Kost nicht dick macht, gegen das Tor zu meiner Welt. Die Tür öffnet sich nicht sehr weit und ich habe Mühe mich durch den kleinen Spalt hindurch zu quetschen. Vor meinen Füßen liegt ein ein Meter hoher Berg von alten Zeitungen, Briefen und Werbungen, die sich zu einem Kunstwerk des Kubismus zusammenfalten. Warum ich die Zeitungen immer noch bestelle, weiß ich auch nicht so genau. Wahrscheinlich kenne ich die E-Mail-Adresse nicht, um sie abzubestellen. Zur Information habe ich ja meine Internetwelt, die weltweite Informationsvielfalt, die Datenautobahn voll von Nachrichten. Ich schaute zwar selten danach, aber alleine die Möglichkeit es tun zu können, machte mich zu einem sehr schlauen und informierten Menschen. Ich wußte ja, wo ich sie potentiell finden könnte, wenn ich es hätte wissen wollen!

Die Briefpost, etwas mehr als 70 Stück, mache ich schon seit Wochen nicht mehr auf. Sollen sie mir doch eine Mail schicken. Ich beschloß damals nie mehr etwas zu öffnen, was nicht durch einen Virenscanner gelaufen war, was nicht als Datei zu öffnen, schließen oder zu ignorieren sei. Ich hatte ein sehr differenziertes Mailsystem mit einem wichtigen Ordner "S" für Scheiße! Dieser reale Ordner lag wohl nun hinter meiner Haustür, oder davor, wie der Leser es haben will...

An diesem Tag fiel mir allerdings ein merkwürdig markanter Zettel auf, den ich nicht ignorieren konnte und ihn schnell aufhob, während ich mich stolpernd durch mein Papiergebirge kämpfte. Ich ahnte nichts Gutes, als ich mit einem Auge, und die Treppe hinauf stürmend, den mysteriösen Zettel las: "Morgen Di., 9.30 -10.00 Uhr - Schornsteinfeger."


Dieser Idiot! Dieser Wahnsinnige! Von wegen Glücksbringer!! 9.30 Uhr?, das wäre die Zeit, wo ich gerade mal meinen Compi verlassen hätte und mich von der Cyber- in die Bettwelt begeben hätte. Und dann gleich wieder aufstehen? Nein!!

Warum können diese Menschen nie zu einer vernünftigen Tageszeit erscheinen. Ich habe den Eindruck, daß sich alle Handwerker, Postboten und Schornsteinfeger in der Stadt abgesprochen haben, morgens ihren Dienst bei mir zu beginnen! Insbesondere mein Postbote hat die Eigenheit, immer dann, wenn er früh kommt, zu klingeln. Natürlich, wenn ich schlafe. Kommt er später, womöglich erwarte ich ein Päckchen, bleibt es "muxmäuschen" still. Er ist bestimmt sauer, daß ich die Post nicht lesen, die er mir bringt. Ich bin mir sicher!

Sei es wie es sei. Ich beschloß das gelbe Mail, ähm, den gelben Zettel unter "S" abzulegen und ihn einfach zu ignorieren. Ich stürzte in meine Wohnung, nahm gekonnt den Klingelkasten ab und riß das, eigentlich mit einer Schraube befestigte, Kabel einfach heraus. Das wäre erledigt, dachte ich mir. Reale Bekannte, die hätten klingeln können, hatte ich ja ohnehin keine mehr, nachdem ich ja auch telefonisch nicht mehr erreichbar war.

Noch den einen Arm in dem langen, weiten Mantel, der bis zu meinen Knien reichte, spurtete ich in Richtung meines Heiligtums, vorbei an dem immer noch rot blinkenden Anrufbeantworter, der wohl keine Meldungen mehr fassen konnte. Die 25 blinke jedenfalls schon seit Tagen.

Die letzten Meter überwand ich, indem ich mit einem gekonnten Sprung längs zur Erde mein Ziel erreichte, wie man es nur vom Football her kennt, wenn die Ziel-Yard-Linie schnellstmöglich erreicht werden muß. TOUCHDOOOWWWNNNN! Während ich, und vor allem mein Kopf, von dem hinterherfliegenden Mantel bedeckt wurde und mich in Dunkelheit hüllte, streckte ich blind meine freie Hand in Richtung der Taste, die mein Leben so prägte und der Grund für mein lebenslanges Single-Dasein sein würde. Während ich mich am Drehstuhl hochziehend aus meiner horizontalen Lage befreite, um mich in den ach so bekannten und intimen Stuhl zu setzen, kommt es, dieses Geräusch, dieser Klang, dieses Lied.

Das Ticken und Summen meines Lebens. Mein Computer! Ja dieses Gerät, nein, dieses Lebewesen, der Grund für Suchen, Spiel, Chatten, unendliche Nächte, für Lachen, Freude, Leid und Trauer. Und wohl auch für, den ein oder anderen Ehekrach, oder die ein oder andere Scheidung ;-) Aber davon habe ich nur gehört! Egal.

Er lebt! Er fährt! Er fährt hoch, !"Ja, ja, ja, komm, komm, vorwärts..!!, höre ich mich innerlich rufen, um ihn anzufeuern. Das Tacken der RAMs ist wie das EKG beim Arzt. Der gespannte Blick, ob die 64000 erreicht werden...eine gigantische Zahl...

Der Freudentaumel beginnt. Was wäre nur, wenn er eines Tages bei 40000 stehen bleibt? Herzinfarkt?! Oh Gott, nein! Nein, ich möchte es mir einfach nicht weiter ausmalen.

Der nächste Kick kommt gleich darauf, wenn mich der Bildschirm mit einem bunten, fröhlichen und blinkenden "WELCOME" begrüßt und mir auch seine Lebensfunktion bestätigt. Ich grüße ihn lautstark zurück, während ich mich verschämt umschaue, ob mich nicht doch jemand hört, wie ich mit meinem zweiten Ich rede.

Jetzt kann einfach kaum mehr was passieren. Die Spannung ist unerträglich, wenn kurz bevor ich die Basis meines Lebens sehe, der Bildschirm noch einmal in ein tiefes Schwarz verfällt, als wenn er noch einmal tief Luft holen würde, um mir dann alles zu zeigen, was mein Herz seit fünf Stunden Offline-Leben, meiner Nicht-Existenz, so begehrt. Das Explorer-Zeichen erscheint und der Outlook-Express ist geladen. Ich habe bis heute nicht verstanden, was die anderen Zeichen auf dem Desktop bedeuten. Was heißt zum Teufel "Mikrosoft WORD"????? Oder "Arbeitsplatz"??? Ich war doch zu Hause, oder? Spielt auch keine Rolle.

Ich bin fast am Ziel! Während ich mit zitternden Händen den Cursor mit der Maus auf "Internet Explorer" lenke, ist bereits alles um mich herum verschwunden. Der Bildschirm erfordert meine ganze Aufmerksamkeit und die Umwelt entschwindet in ein bedeutungsloses Nichts. Der Balkon vor meinem Fenster, auf dem ich früher im Sommer immer viel Zeit verbrachte, hätte einstürzen können. Ich hätte es nicht gemerkt! Das miauen meiner Katze identifiziere ich als "Incomming Chat-Request", obwohl ich noch gar keine Verbindung habe....

Nun folgt der zweite Teil des Vorspiels, indem der Verbindungsaufbau stattfindet. Was ist nun, wenn der Anschluß besetzt ist? Wenn auf der Datenautobahn ein endloser Stau entstanden ist?

Selten ist es passiert, aber dann, wenn es passiert, grenzt es an einen psychischen und physiologischen Ausnahmefall. Ein GAU: Ein Größt Anzunehmender Unfall! Die Pupillen erweitern sich bis zu ihren Grenzen, die Augenbrauen erheben sich bis zum Haarschopf, und die verborgene Stirn runzelt sich, wie ein altes großes Faltengebirge. Der ganze Körper beginnt zu zittern, der Drehstuhl bewegt sich hastig hin und her und das Haareraufen kostet Haar um Haar. Es kostet Nerven. Viele Nerven! Was, wenn sich der Providerbesitzer nach Hawaii abgesetzt hat? Sich aus dem Staub gemacht hat? Die DEL-Taste gedrückt hat? Bei Reisegesellschaften hat es das ja schon gegeben. Die dunkelsten Gedanken durchströmen das Gehirn. Die Finger der linken Hand graben sich in die tief vorgeformten Dellen der Stuhllehne früherer Panikausbrüche, wenn mal wieder die Verbindung abgebrochen war, während die rechte Hand nur kurz davor steht, die Maus zerborsten zu lassen. Ob dieser enorme Verlust an Gehirnzellen, der Grund für die verbale Einfältigkeit in den offenen Chats ist?

Aber da bin ich ja noch gar nicht.

Erneut fängt der Compi an zu rattern, als die Verbindung endlich hergestellt ist. Es klingt, wie das Lebensblut, wie ein wilder Strom aus Lebenswasser, welches aus dem weiten Meer des unendlichen Datennetzes direkt in meinem Compi, in mich, fließt und das einzelne nichtige User-Leben mit dem Allumfassenden und dem Absoluten der Masse verbindet!

Hurrrraaaa!!! Wir leben! Wir sind daaa, dabei, online!! Wir stehen in Kontakt, sind existent! Unweigerlich! Während das ICQ im Hintergrund Stunden zu brauchen scheint, um die Online-Sucht perfekt zu machen, merke ich, wie ich unentwegt auf die Outlook-Mailbox klicke...*klick, klick, klick*..., was natürlich nichts bringt, weil sich die ICQ-Homepage immer wieder meldet, um auch noch das letzte kleine Bildchen zur Perfektion zu bringen. Und diese Page hat viele, sehr viele Bilder. "Noch 29 Bilder...28...27...26...25..."

Und nun ist das Vorspiel fast vorbei und man fiebert dem virtuellen Höhepunkt entgegen. Die Mailbox! Drei Adressen wollen abgefragt werden, müssen abgefragt werden!!!! Ich klicke auf "abrufen" *klick*. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, heftige Adrenalinstöße durchziehen meinen unruhigen Körper wie kleine Stromschläge. Server eins zuckt ein wenig, und es erscheint dieses Fenster mit dem wachsenden, blauen Balken. Es steigt und steigt....bis die Röhre in ihrer Gänze in blau getaucht ist und das Mail seinen Weg gefunden hat.....

DAS IST DER HÖHEPUNKT!!!

....Befriedigung auf der ganzen "Linie"!! Befriedigung des Wissens um seine eigene kleine Existenz, die sich in den anderen Usern, der virtuellen und realen Familie, spiegelt. Während man von seinem ersten galaktischen Höhepunkt noch erleichtert und muskelentkrampft in den Sessel zurückfällt, wird der zweite Server abgerufen. Sollte es zu einem zweiten Höhepunkt kommen? Sollte die blaue Säule erneut das unbeschreibliche Gefühl hervorrufen? Es dauerte diesmal, der Server ist langsamer als der erste. Und dann geschieht das Unfaßbare! Tatsächlich beginnt erneut der blaue Balken zu erscheinen und zu wachsen. Langsam, von links nach rechts. Eine zweite Geburt! Die ganze Welt schaut auf mich, schickt mir Mails. Ich bin beliebt, geliebt, verliebt, in meine eigene Welt.

Erneut steigt und steigt es, bis die Entladung sich in Form einer Fettschrift in meiner Mailbox zeigt. Puh, eigentlich reicht es für heute, bin vollkommen zufrieden, entspannt, glücklich....Ich zünde mir genüßlich eine Zigarette an.

Und dennoch geschieht erneut ein Wunder. Der dritte Server beschert mir erneut einen virtuellen Orgasmus. Kopfschüttelnd vor Freude und mit einer Gänsehaut entflieht man dieser Welt, ob dieser grandiosen, schier unendlichen Ereignisse, die nicht losgelassen werden wollen. Das Wachsen, das Ankommen, das erneute Wachsen. Es spielt überhaupt keine Rolle was denn nun eigentlich drin steht.

Die erste Mail war eine Rechnung eines Providers. Die zweite eine Werbung von GMX und die dritte eine Mail, wo ein Freund mir die wichtige Frage stellte: "Na, wie geht's denn. Bis dann F." Im Betreff stand übrigens "Na, wie geht's denn?"

Am nächsten Morgen, es war so 12.30 Uhr, ging ich hinunter, durch die Aplen aus Zeitungen und "realen Mails". Genervt, müde, an die Chats der vergangenen Nacht erinnernd, oder eben auch nicht mehr erinnernd. Plötzlich erblickte ich aus meinen kleinen, glänzenden "Online-Augen" einen gelben Zettel von meinem Schornsteinfeger: "Habe Sie leider nicht angetroffen - Nächster Termin Freitag 7.30-8.00 Uhr".


Nachwort:

Es sei vorweggenommen, daß ich auch diesen Termin verpaßt habe. Es wäre wohl einfacher gewesen, eine neue Homepage zu errichten, als daß ich es geschafft hätte, ohne Schraubenzieher (!), das besagte Klingel-Kabel wieder an dem Klingelkasten zu befestigen. Sie funktioniert immer noch nicht. Was soll's. Aber dafür bekam ich einen dritten Zettel! Eine Drohung:

"Wenn Sie nicht unverzüglich den Schornsteinfeger in Ihre Wohnung hereinlassen, werden Ihre sämtlichen E-Mail-Adressen sofort und unmittelbar gesperrt!"

Ich machte einen Termin für Montagmorgen 14.30 Uhr aus - bei meinen Rechtsanwalt. Online! - versteht sich!

; -)

DerDUDE



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