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Tinitus (2002)
| Eigenproduktion
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Tinitus (2002)
Auch hier noch mal eine Scheibe, die eine gewisse
Faszination aus dem Bereich des +X oder der postmodernen Musikwelt
auf mich ausgewirkt hat. Vielleicht war es passend, mich Heilig Abend
um 5.00 Uhr Nachts intensiver mit dieser Band und Scheibe zu beschäftigen. Was erwartet einen da, im definitorischen Alles und Nichts? Ein Tunnel am Ende des Lichtes. Ich nenne es einfach mal stimmen- und bläserbetonten "Freestyle" oder "Crossover", was hier die 7 Jungs aus dem östlichen Greifswald hervorgebracht haben. Die Kumulation der musikalischen Elemente scheinen sich ein um das andere Mal zu überschlagen, auch wenn die Bläserfraktion bestehend aus Sax (Tillmann Holsten), Flügelhorn (Thomas Welzel) und Tuba (Thorsten Reul) deutlich den Ton angeben! Mal mit lauten, z.T. grellen Bläsern, mal als seichte Begleitung, tauchen sie immer wieder auf, um das Volumen zu krönen. Vielleicht wirkt die ganze Sache noch voluminöser, wenn auch die Tuba zu hören ist, die leider auf der CD noch fehlt. Die zweite, höchst markante Eigenschaft dieser
Band und CD ist sicherlich die Stimme des Sängers (Tobias Reinsch),
der sich, ich kann es nicht anders ausdrücken, mit der deftigeren
E-Gitarre vereint und rauh, punkstimmig etwas mit und gegen die Bläser
singt. Hier ist eine gewisse Gegensätzlichkeit wohl auch nicht Die deutschen und englischen Texte (Song 3, 4 und 13) sind schon recht lebensnah (Achtung jetzt kommt Ironie!), wenn es doch des Öfteren um den Tod oder besser den heidnischen Nihilismus des Jenseits geht. "Drogen", "nicht älter als 30 werden ..." (Song 8 - Sweetheart) oder "ohne Zukunft" (Song 11 - Ghettokinder) sind natürlich Inhalte, die aus der schon immer missverstandenen Anarchiezeit des Punks kommen. Obwohl, und das ist wohl einer der vielen Widersprüche, findet man wieder fast kommunitaristische Züge, wenn der Text in Song 3 "Freunde" lautet: "Steckst du in der Scheisse, werde ich bei dir sein." Nicht zu verwechseln mit dem getösen Geschrei eines National-"Helden". Und dennoch geht "er seinen Pfad" (Song 1- Mein Pfad) ... "Alleine leben, alleine Entscheiden" (Song 12 - Allein). Das nenne ich wahrhaft postmodern. Klasse, wenn auch mal nicht nur der Sound sondern auch der Text zur Inspiration einlädt. Ein großes Manko des CD-Covers - Es fehlen die Texte. Zurück zu den Klängen. Die Mischung ist nicht ausgewogen. Zu deftig ist der Mix zwischen Punk (Song 10 - Leb Dein Leben) und den jazzigen Teilen, die einen schon mal überraschender Weise an Elvis Presley erinnern - stimmenmäßig (Song 4 - My Girl). Damit jedoch nicht genug. Beim Thema "Trinken" - "Die Blase drückt" , Song 6 - Harndrang, nimmt das Ganze plötzlich Slapstickzüge an (fragt mich nicht, wie ich darauf komme). Das Faszinosum steht einem allerdings noch bevor, denn der Höhepunkt ist eindeutig Song 7: Alles im Griff. Deftig, deftig "Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff" - einmalig! Kräftige, rauhe Stimme, derbe E-Gitarre, ein ruppiges Schlagzeug, gespielt von Sascha, und "heulende" Bläser stimmen an zum kollektiven "sinken". Was hier sinkt sind allerdings die Kniekehlen, die unweigerlich zum Pogen ansetzen. Keine Angst. Melodisch bleibt das Ganze durchaus. Und schnell, sehr schnell - wie auch Song 11. Klasse! Das pluralistische "Alles und Nichts" scheint
zur Methode zu werden. Gar nicht mal schlecht. Für die Dauerrepeattaste
ist die Scheibe nichts - zu unbequem. Gewollt? Eine CD-Empfehlung für den besonderen Geschmack. Seichte Gemüter oder Puristen haben hier nichts verloren. Man muss schon Spaß an was Neuem haben - an Experimenten. DerDUDE
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