Der individualistische Türkei-"Urlaub" der Individualisten
Die folgende (unüberarbeitete) Real-Satire bedarf wohl einer kleinen Erläuterung. Man muss nicht alles verstehen, aber es sei erwähnt, dass es um einen Urlaub mit drei Mitreisenden in die Türkei ging, der mich etwas nachdenklich machte. Ich hatte bereits in der Türkei begonnen, meine lustigen Gedanken zu Papier zu bringen (von daher ergeben sich oft Zeitsprünge, die aber nicht verwirren sollen ;-). In der Ruhe der Heimat, ein Tag nach meiner Rückkehr, schrieb ich dann folgendes in meinen Compi...
Der Tag danach:
[Titel: Müdigkeit und das TV-Programm]
Man war ich gestern müde. Selten, dass mein Geist und Körper gleichzeitig so sehr der Müdigkeit ausgesetzt waren. Eigentlich hatte ich echt Lust, wieder etwas im Netz herumzusurfen und in die Stadt zu gehen. Für beides war ich dann doch zu schlapp.
Dann bin ich während einer furchtbaren Kultursendung auf WDR 3 vor dem TV eingeschlafen. Für die Schlafposition hätte ich als Turner sicherlich eine gute Note bekommen, schon wegen der Ausdauer. Ich war nicht einmal in der Lage wenigstens das Programm zu ändern. Um 4.30 Uhr wurde ich dann doch von meinem Unterbewußtsein geweckt, da nun das TV-Programm in seiner Unerträglichkeit seinen Hochpunkt erreichte. Ich glaube es ging um die Kochlöffelform im inter-kulturellen Vergleich zwischen den Hutu-Stämmen in Afrika und den Kauchos in Südamerika, sowie dessen (des Kochlöffelsform) Auswirkungen auf das soziale Gefüge und die Liebesgewohnheiten, oder so ähnlich. Und das hielt dann auch mein ohnehin stark gebeuteltes
Unterbewußtsein nicht mehr aus. Ich fand zufällig den Off-Knopf und ging schlaftrunkend, schlendernd und das Treppengeländer umarmend in mein wohlverdientes Bett.
[Titel: Die Mitreisende(n)][Untertitel: Die Mitreisende und die Händler]
Andererseits habe ich es wirklich genossen mal wieder richtig, alleine und in Ruhe etwas Zeit zu verbringen. Die letzten zwei Wochen waren offensichtlich schon sehr anstrengend:
Türkisches Sprachengewirr, von dem ich jeweils nur einen Bruchteil verstand;
eine Mitreisende, der man nur mit kontinuierlicher Ignoranz halbwegs ihren linguistischen Amokläufen entkommen konnte; und die mit ihrer lauten Stimme bereits Kilometer vorher den Händlern in den Basaren verkündete, dass hier nun eine deutsche (!) Touristin nahte, auf die
man sich nun lange verkaufs- und sprachentechnisch vorbereiten konnte. Ich glaube einen Händler gesehen zu haben, der bei der akkustischen Alarmierung noch schnell einen Deutschkurs belegte und rechtzeitig bei der Ankunft der Mitreisenden wieder an seinem Stand war und in perfektem Deutsch auftrat, um seine Waren energisch anzubieten;
und die mit ihrer (nicht immer positiven) lauten und offenen Art, an jedem Stand fingerzeigend, schreiend auf die Ware starrte, so daß auch der taubste Händler nun wusste: Eine deutsche Touristin! Die Folgen kann man sich ja denken, wobei der chronische Ablauf dieses Geschehens ihr Lernvermögen nicht anspringen liess, und wir beschlossen ab nun immer einige Meter vor oder hinter ihr zu gehen;
[Untertitel: Der Mitreisende und das Handy]
ein Mitreisender, der sich als schlimmer erwies, als es die Mitreisende sein konnte, da er, aber wirklich, zu allem und jedem etwas zu sagen hatte, ob es nun richtig war oder passte spielte dabei keine Rolle; kaum eine Handlung blieb ohne Kommentar, meistens über andere, wobei die eigene Unfehlbarkeit mit Nachdruck und mahnend immer wieder hervorgehoben wurde;
und der gleichzeitig eine intime, fast erotische Beziehung zu seinem Handy besaß, wie es kaum ein Liebespaar hätte besser haben könnte.
Zum besseren Verständnis der Lage, folgende Deskription:
"Vier Tage keine Netzverbindung" - das glich einer Trennung, Scheidung, Ehekrach! Eine Katastrophe! - Tiefe Trauer überfiel sein Gemüt; was sich auch in einem hektischen Zehnminutentakt (!) äußerte, wo er sein Handy hervorholte, es liebevoll streichelte und einen erneuten Versuch des Kontakt heraufbeschwor, welcher einem religiösen Ritual glich. Das Herausbauen der Chip-Karte, die alsdann gestreichelt und geküsst wurde, stellte den Höhepunkt dar. Es glich dem Ritual der katholischen Prister die das Brot Jesus Christi gen Himmer strecken und soetwas wie "Der Leib Christi!" rufen. Der Mitreisende flehend: "D1 lebe!". Als dann die Verbindung wieder da war, du kannst es dir nicht vorstellen, sein Handy in der Hand, warf er sich wildfremden Menschen um den Hals, um ihnen das freudige Ereignis mitzuteilen. Wiedergeburt! Auferstehung! Ich glaube das Straßenfest dauerte 3 Tage;
[Untertitel: keiner]
zu der vierten Mitreisenden, die ich wiederholt sinnigerweise als "entfernte Bekannte" bezeichnete, was mir treffender erschien, fehlen mir immer noch ein wenig die Worte.
[Titel: Das Fazit]
Nun das Fazit ist, dass ich im Urlaub begonnen habe, eine Satire zu schreiben. Das mache ich immer, wenn ich denke, dass ich zu früh, zu spät oder ganz falsch auf dieser Welt bin. Sicherlich ist der oben geschriebene Teil hervorragend dazu geeignet, ihn in meine Sammlung aufzunehmen.
[Titel: Kommunistischer Spion]
Eines meiner Lieblingsthemen ist ja der "Gemeinsinn" oder der "Gemeinschaftssinn", der meines Erachtens zunehmend durch Abwesenheit glänzt. Hätte ich es gewusst, so hätte ich aus diesem "Urlaub" eine Feldstudie hierüber gemacht und meine lange Suche nach einem Thema für eine
Doktorarbeit hätte ein Ende gehabt.
Mit fortschreitender Dauer unserer Viersamkeit zog ich mich immer mehr zurück und beobachtete wortlos, zum Teil auch fassungslos, wie meine drei individualistisch und
egozentrisch angehauchten Mitreisenden ihr gegenseitiges Nichtberücksichtigen auslebten.
Zuvor versuchte ich immer wieder darauf zu verweisen, dass wir ja zusammen im Urlaub seien, und dass eine gewisse Koordination unseres Verhaltens durchaus Sinn machen könnte, ohne, dass eine individuelle Gestaltung der Zeit darunter leiden müsste. Ich versicherte schriftlich und in dreifacher Ausführung, dass ich nicht vom Teufel geschickt worden bin, um den Kampf
gegen den freiheitlichen Liberalismus zu beginnen. Es half nichts. Ich gab auf, da mir damit gedroht wurde, mich an den türkischen Geheimdienst auszuliefern, der mich dann als kommunistischen Spion stundenlang verhören würde, um festzustellen, für wen ich arbeite und warum ich versuchen würde die individuelle Freiheit des einzelnen zu untergraben. Die Verbindung zur PKK wäre dann nur noch eine Formsache gewesen und ich wäre aufgehängt
worden.
Nun, die Dinge nahmen ihren Lauf. Ich kann mich nicht mehr genau an alles erinnern, da ich mich teilweise mit Lachkrämpfen in Gräben, hinter Häuserwänden oder Autos versteckten musste, um nicht den Unmut der Mitreisenden auf mich zu lenken. Von meinen Verstecken sah ich dann nicht immer, was im weiteren vor sich ging. Vielleicht beschränke ich mich auf ein
paar wenige Ereignisse, die sich abspielten.
[Titel: Die Schlüsselfrage]
Also wenn man nun mit vier Personen ein Haus bezieht, von dem nur zwei Schlüssel existieren, so hat dies etwas Faktisches, wenn das Verlassen des Gebäudes bevorsteht. Zwei Personen gehen ihren individualistischen Neigungen nach und verlassen die Heimstätte, ohne etwas weiter zu berichten. Jeder kann ja machen, was er will, nicht wahr. Wollen nun die anderen Individualisten ebenfalls in die Ferne schweifen, so ergeben sich dann Probleme, wenn sie nicht im Besitz der
Schlüssel sind, die nun das Haus in Sicherheit wiegen könnten. Selbiges geschah dann auch, wobei ich, gemein wie ich bin, die Dinge kommen sah; ich jedoch verstummte, als ich auf die Frage, wo es denn hinginge und wie lange es dauern würde, die Antwort erhielt, warum ich immer erfahren müsste, was man macht.
[Titel: Vom Sammeln und Jagen]
Unweigerlich haben es die Menschen so ansich, dass sie nur durch die Aufnahme von Nahrung ihr Leben bestreiten können. Das geht auch den Egozentrikern so. Bereits vor tausenden Jahren habe die Humanoiden gelernt, Nahrung zu sammeln, zu jagen und aufzuteilen. Zunehmend wurde organisiert und langfristig geplant. Nicht so heute. Vier Personen gehen in einen riesen
Supermarkt und die Devise lautet: Jeder kaufe, was er will - alles in einem Korb (Soweit sind sie dann doch schon.). Ich kaufte nichts ein und beobachtete statt dessen das Treiben aus sicherer Entfernung. Wau, es schien doch zu funktionieren. Die Beteiligten gingen und kamen zu unserem Einkaufswagen, wie die fleissigen Bienen zu ihrem Bienenstock. Tomaten, Gurken, Melonen, Brot, Butter fanden ihren Weg in den Einkaufswagen. Cola, Schinken, Zahnpasta, Bier, Brot, Tomaten, Kekse, Schinken...ups. Und da war es geschehen. Ich versteckte mich hinter einer großen Pyramide aus Bohnendosen und konnte nur mit Mühe den vorbeigehenden klar machen, daß es mir gut ginge, und dass meine Tränen nicht von einem Trauerfall stammten.
Wenigstens zweieinhalb Kilo Tomaten und Brot für zwei Wochen zierten unseren Warenkorb. An der Kasse packten drei Träger die Waren in 25 Tüten und trugen diese Kopfschütteln zu unserem Taxi. Wir gingen häufiger einkaufen. Öfters auch dann in individueller Weise, natürlich wieder ohne Absprache.
Später, als die Abreise bevorstand, verschenkten wir dann etwa drei Pakete Butter, zwei Pakete Brot, fünf Colaflaschen, acht Pakete Schinken, acht Kilo Gemüse und Obst an unseren alleinstehenden Hausmeister, der uns täglich morgens die drei gleichen Zeitungen brachte, die wir ja nun jeweils bestellt hatten.
Gemeinsam gekocht haben wir glaube ich zweimal. Ansonsten fehlte eigentlich immer etwas. Köfte (kleine Fleischbällchen mit Reis) ist halt schwierig zu machen, so ohne Fleisch und Reis. Dafür gab es dann einen riesen Tomatensalat mit einer Menge Brot, täglich. Leider ohne Zwiebeln, warum hatte nur keiner an Zwiebeln gedacht.
[Titel: Das Licht am Ende des Tunnels]
Und dann gab es doch noch Licht am Ende des Tunnels. Oder war es der Tunnel am Ende des Lichtes? Hatten die Ereignisse vielleicht doch den Verstand auf den Plan treten lassen. Meine "entfernte Bekannte" entschied sich für uns alle Frühstück zu machen! Frohen Mutes setzten wir uns an den gedeckten Frühstückstisch, der reichlich bestückt war.
Es wäre vielleicht schön gewesen, wenn auch Kaffee gemacht worden wäre, den die anderen drei Mitreisenden gerne getrunken hätten. Nun, man kann ihn ja auch selber machen und der gute Wille zählt ja. Es gab Schafskäse mit Tomaten und etwas Brot, welches für eine Person reichte. Leider mochten wir keinen Schafskäse, von dem drei Packungen á 500 Gramm unseren Kühlschrank zierten. Und Tomaten, nunja, Tomaten...s.o., egal. Nachdem wir unseren Kaffee gemacht hatten - wir entschieden uns für ein "schwarzes Frühstück (Kaffee und Zigarette), war das Frühstück meiner "entfernten Bekannten" abgeschlossen und sie zog von dannen. Wahrscheinlich zum Swimmingpool, man weiss es bis heute nicht so genau. Die Zurückgebliebenen gingen alsbald in die Stadt, einzeln selbstverständlich, es hätte ja ein Gefühl von Gemeinsamkeit auftreten können. Oder, was noch viel, viel schlimmer gewesen wäre, ein Abhängigkeit! Ich weiss nicht, wer noch einen Schlüssel hatte, ich hatte jedenfalls einen, ich Egoist. Und ich blieb ungewollt lange, sehr lange.
[Titel: Das Verkehrswesen und sein Unwesen]
Wenn alle Menschen dieser Welt mit ihrem eigenen Auto fahren würden, wäre dies sicherlich eine Katastrophe, die ihres gleichen sucht. Schnell hatten die Menschen begriffen, dass es nicht selten vorkommt, dass die gleichen Wege und Ziele angestrebt wurden. Ich weiss nicht genau, wer es war, aber einer erfand den Bus. Ein intelligenter Mensch muß es gewesen sein, denn es
war günstig und klappte hervorragend. Ein individuelleres Fortbewegungsmittel ist das Taxi. Ein wesentlicher Vorteil ist die zeitliche Unabhängigkeit, die bezahlt werden will. Nun zum Thema: Fahren drei Leute in die Stadt und kommen separat zurück, so kann es zur Folge haben, dass Unabhängigkeit ungewollt zur Kollektivität gerät. Den Bus hatte ich wohl an diesem Tag auch verpasst, und die Hitze brachte mich dazu lieber weiter in einem Taxi zu schwitzen als an einer
Bushaltestelle, die bekanntlich recht unbeweglich ist. Ich bestieg das Taxi. Lässig den rechten Arm aus dem Fenster gelegt, genoss ich den Fahrtwind, der nun plötzlich durch einen Ampelstop meines stummen Lenkers unterbrochen wurde. Mit einer leichten Kopfbewegung schaute ich, rechts über meinen Arm auf die ebenfalls stoppenden Kutschen neben mir und bemerkte hektische Bewegungen im anderen Gefährt. Es war der Mitreisende, der mit dem Handy, der wohl eine ähnliche Idee wie ich hatte. Die Chauffeure machten sichtlich erheitert ein Wettrennen bis zu unserem Ziel. Am Ziel bezahlten wir jeder umgerechnet 7 DM und verabschiedeten uns freundlich von unseren beiden Rennfahrern. Etwas nachdenklich und leicht belustigt, wegen dieser Zufälligkeit, schauten wir uns an, als hinter uns das Quietschen einer weiteren motorisierten Kutsche zu hören war. Was jetzt kommt ist wohl klar. Es war unsere Mitreisende. Auch sie bezahlte 7 DM. Kollektiv gingen wir den Weg hinauf bis zu unserem Haus. Wenigstens hatte einer von uns einen Schlüssel. Nämlich ich ;-)
[Vorläufiges Ende]
Daß bei dieser Geschichte Ähnlichkeiten mit Geschehen und Personen gewollt sind, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Auch wenn nicht alles sich genauso zutrug, so trägt es wenigstens zu meiner Belustigung bei. Viel Phantasie brauchte ich allerdings dafür nicht.
Denn am Ende war es wohl genauso, wie es kommen musste :-)
Und ich hatte viele Antworten, nur wieder einmal fand ich die Fragen dazu nicht :-))
DerDUDE